Warum wir in Kurven Panik bekommen

In den letzten Jahren haben viele Experten und auch Keith Code in „Twist oft the Wrist“ über die so genannten „Survival-Reactions“ geschrieben. Dabei geht es um das Phänomen, dass Fahrer,  wenn sie um eine Kurve fahren, ihr Gehirn in eine Art „Panik-Modus“ versetzen, der sie teils tragischen Fehler machen lässt.

Alle Experten sind sich dabei einig, dass diese Reaktionen das eigentliche Überleben im Prinzip schwerer machen und dass es nicht nur im Motorradsport sehr wichtig ist, diese Impulse zu unterdrücken. Nur so können kritische Fehler und allgemein unsichereres Fahren vermieden werden.

Survival Re

Das Ziel sollte an erstes Stelle nicht darin liegen, an einen Punkt zu kommen, an dem man mit seinem Gehirn die natürlichen Instinkte unterdrücke, sonder vielmehr zu lernen, warum der Kopf in diesen „Survival-Modus“ schaltet. Nur so lässt sich herauszufinden, was man tun muss, damit sich das Gehirn „wohl fühlt“, wenn man schneller als sonst oder mit mehr Schräglage durch eine Kurve fahre.

Die Theorie

Q: Was ist Panik?

A: Panik ist ein plötzliches Gefühl von Angst, das so stark wird, dass es die Vernunft und das logische Denken dominiert und verhindert, dass überlegt gehandelt werden kann.

Wenn das Gehirn merkt, dass es in Gefahr gerät, stellt sich Panik ein. Sobald das Gehirn in Panik gerät, reagiert es mit (unfreiwilligen) Überlebens-Reaktionen. Auf einem Motorrad können diese Ur-Reaktionen in der Folge einen Sturz bedeuten.

Q: Was sind die häufigsten Ursachen von Panik, wenn die bei Kurvenfahrten auftreten?
A: Das „Gefühl von Mangel an Balance“ und ein „falsches Gefühl der Geschwindigkeit“.

1. Verhelfe deinem Gehirn zu dem Gefühl, dass dein Körper im Gleichgewicht ist.

Q: Was passiert im Gehirn, wenn es den Sinn für die Balance verliert?

A: Es wird automatisch Panik hervorgerufen und das Gehirn befielt den Augen in die Richtung des „point of impact“ zu sehen, damit sich der Körper auf den Aufprall vorbereiten kann.

Egal, was sonst noch um einen herum passiert, sobald das Gehirn diesen Punkt des Aufpralls fokussiert hat, wird es dort fokussiert bleiben, bis der Aufprall tatsächlich passiert.

Dieses Phänomen ist allgemein als Ziel-Fixierung bekannt.

Ein einfaches Experiment verdeutlicht dies: wenn man einen seiner Freunde, wenn er entspannt steht und nach vorne blickt, auf eine bestimmte Seite schubst, reagiert dessen Gehirn im Bruchteil einer Sekunde und schaltet in den Überlebens-Modus. Die Augen wandern zum „Point of Impact“. Dabei bereiteten sich die Hände auf die Landung vor.

Nein, ich habe niemanden umgeschubst, aber das Experiment bestätigt die Theorie, dass, wenn jemand aus der Balance geworfen wird, er sich instinktiv auf einen Aufprall vorbereitet. Dabei ist der Blick auf den Punkt des Aufpralls das erste, was wir alle tun.

Wenn der Körper das Gefühl für die Balance verliert, steht diese Überlebens-Reaktionen immer an erster Stelle.

Q: Wie kann ich meinen Körper dabei helfen, immer das Gefühl zu haben, im Gleichgewicht durch eine Kurve zu fahren?

A: Indem ich meinen Körper auf den (ständig wechselnden) Schwerpunkt ausrichte.

Wenn man beim Motorradfahren mit konstanter Geschwindigkeit fährt, ist die einzige Kraft, die auf den Körper einwirkt, die Schwerkraft der Erde. Solange man also gerade auf dem Motorrad sitzt, hat man nicht das Gefühl, zur einen oder anderen Seite gedrückt zu werden. Das Gehirn fühlt sich sicher! Sobald man jedoch eine Kurve fährt, ändert sich alles: die Fliehkraft bzw. Zentrifugalkraft versucht, den Körper nach außen zu drücken und über die Außenseite der Kurve zu bewegen. Je schneller die Kurve, desto schneller ist die seitliche G-Kraft.

So, nur haben wir zwei G-Kräfte, die auf den Körper wirken: Eine davon zieht uns nach unten, die andere schiebt zur Seite. Diesen G-Kräften kann man sich nicht entziehen, aber wir können unseren Schwerpunkt danach ausrichten, damit das Gefühl entsteht, in den Sitz und nicht zur einen oder anderen Seite des Motorrads geschoben zu werden. Denn sobald der Körper durch den Einfluss dieser zwei Kräfte aus seinem Balancezustand gerät,  wird das Gehirn automatisch in den Panik-Modus schalten.

Praxistipp:  Man muss sich nicht wie ein Moto-GP Fahrer auf seinem Motorrad bewegen, sondern die Hauptkontaktfläche des eigenen Körpergewicht auf den Bereich des Sitzes bewegen, der auf der Innenseite der Kurve ist. So bringt man automatisch seinen Körper in eine ausgewogenere Position innerhalb der Zentrifugalkraft um die Kurve. Außerdem sollten man den Oberkörper immer zumindest ein wenig in die Kurve lehnen: genau dorthin, wo der Balance-Punkt ist.

Indem man diese zwei einfachen Dinge beachtet, erreicht man nicht nur, dass der eigene Körper und das Gehirn ein sichereres Gefühl für die Balance durch die Kurve vermitteln, sondern erreicht durch die Lehnung des Oberkörpers auch ein gewisse Schräglage des Motorrads, was einen größeren Auflagebereich des Reifens bedeutet – also effektiv mehr Grip.

Durch ständiges Wiederholen dieser einfachen Körperbewegungen beim Kurvenfahren, wird sich der Körper im Laufe der Zeit immer wohler fühlen und einen Einklang mit dem Motorrad vermitteln, sodass sich das Kurvenfahren immer organischer und sicherer anfühlt.

Hinweis: Diese Bewegungen des Oberkörpers kann bei höheren Kurvengeschwindigkeiten soweit angepasst werden, dass es zum „Hängen“ an der Seite des Motorrads kommt. Dabei bleibt die Theorie der Balance natürlich die gleiche.

Richtig:
Valentino Rossi hat seinen Oberkörper an den dynamischen G-Kräften ausgerichtet.

 Rossi Hanging Off 2013 Yamaha M1

Diese Haltung sendet Signale von Komfort und Sicherheit an das Gehirn, die jede Panikreaktion vermeiden.

Der Fahrer auf der rechten Seite wird schneller, so dass er tatsächlich zu einer Seite hängen muss, um an den G-Kräften ausgerichtet zu bleiben und um zu verhindern, dass das Motorrad zu weit gelehnt werden muss, was einen Lowsider bedeuten würde.

Falsch:
Man sollte seinen Oberkörper, abgesehen bei den so genannten „Counterweight-Wendungen“ auf kleinem Raum, nie außerhalb der G-Kraft positionieren. Auf diese Weise hat das Gehirn das Gefühl der Unwucht, welches leicht eine Überlebens Reaktion auslösen kann.

wrong body position cornering bike

Hinweis: Wenn man seinen Körper nach den G-Kräften korrekt ausrichtig, hat man nicht das Gefühl, nach außen getragen zu werden, sondern noch fester in den Sitz des Motorrads gedrückt zu werden.

2. Verhindere, dass das Gehirn das Gefühl hat, zu schnell zu sein.

Q: Wie funktioniert das Gehirn, sobald es ein Signal für zu hohe Geschwindigkeit bekommt?

A: Es wird automatisch die Reaktion für Panik abgerufen und jeder Muskel des Körpers agiert in der Vorbereitung für eine schnelle Reaktion. So auch die Augen, die sich  auf den erfassten Punkt des Aufpralls konzentrieren.

Wenn die Muskeln angespannt sind und das Gehirn in den Survival-Modus schaltet, kann man nicht klar denken und in einer Kurve nicht angemessen reagieren.

Q: Wie kann ich mein Gehirn dazu bringen, nicht das Gefühl zu haben, dass ich zu schnell bin?
A: Mit Blick weiter durch die Kurve.

Wenn man in einem Auto fährt, wird man durch die Türen an den Seiten stark daran gehindert,  direkt auf dem Fahrbahnbelag zu starren. Bei Autobahnfahrten hat man mit Musik und bequemen Sitzen sogar ein Sofa-Gefühl. Dies passiert auf einem Motorrad nur sehr selten.

Auf zwei Rädern sieht man die Asphaltdecke an einem vorbeifliegen, sodass man das Gefühl hat, schneller zu sein als man wirklich ist. Dies gilt insbesondere in einer Kurve, sobald man sich näher an den Asphalt lehnt. Wenn man in diesem Moment nach unten sieht, wird das Gehirn denken, dass es sich viel schneller bewegt. Auf dieser Grundlage wird der Kopf automatisch in den Panik-Modus schalten. Der beste Weg, um dieses falsche Gefühl von Geschwindigkeit zu vermeiden, ist die Erhöhung der eigenen Blickrichtung nach vorn, in Richtung der Ausfahrt einer Kurve.

Mit dieser Blickrichtung „durch“ die Kurve kann das Gehirn entspannen und alle Muskeln richten sich darauf ein, sicher und gelassen durch die Kurve zu fahren.

Praxistipp: Jedes Mal, wenn man eine Kurve fährt, stellt man sich einen Angelhaken in der Nase vor, der die Blickrichtung hart auf den Ausgang der Kurve zieht. Also sind nicht nur die Augen „auf der Suche“ nach dem Kurvenausgang, sondern der ganze Kopf wird in  die richtige Richtung gezogen.

Colin Edwards ist ein Meister des Blickes durch die Kurve. So sieht fast jede Kurvendurchfahrt des Texaners aus.

Colin Edwards Cornering Eyedirection

Unabhängig von der eigenen Geschwindigkeit: DURCH die Kurve blicken!

Ein weiterer Trick, der dabei helfen kann, Panik in der Mitte einer Kurve zu vermeiden: die Arme und den Körper entspannt halten.

Die einzigen Muskeln, die wirklich gezielt eingesetzt werden müssen, sind diejenigen, die den Oberkörper und die jeweilige Hüftregion bewegen, um sich entsprechend der G-Kräften auszurichten. Alle anderen Teile des Körpers sollten locker sein. Und noch etwas: die Atmung beim Kurvenfahren ist wichtig, ernsthaft!

Also, zusammengefasst, sind dies die besten Tipps zum Durchfahren einer Kurve:

1. Entspanne deinen Körper.

2. Schaue durch die Kurve.

3. Bringen dein Körpergewicht auf die Pobacke, die innerhalb der Kurve liegt. Dieser kleine Trick macht einen riesigen Unterschied.

4 . Lehne deinen Oberkörper ein wenig zur Innenseite der Kurve. Bis zu dem Punkt, wo dein Körper sich im Gleichgewicht mit den G-Kräfte befindet.

5. Bleibe entspannt, schaue durch die Kurve und atme ruhig und gleichmäßig, bis du die Kurve verlassen hat.

6. Lächle unter deinem Helm.

Durch die oben genannten Tipps fühlst du dich viel sicherer und dein Kopf wird frei sein, falls er auf einen Einfluss reagieren und die Linie korrigieren muss. Die meisten Fahrfehler passieren durch Panikreaktionen. Es ist also sinnvoll, die Tipps so lange bewusst zu trainieren, bis sie unterbewusst zur Normalität werden.

 

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